Forschungen


Historische Eisenglocken

Eisenglocken gibt es in Deutschland immer noch zuhauf. Nach den beiden Weltkriegen, als Bronze rar und teuer war, goss man tausende von ihnen. In Thüringen waren nach der Wende über 50% aller Glocken aus Eisen. Mittlerweile werden viele Eisenglocken durch neue Bronzegeläute ersetzt, sodass sich ihre Zahl konstant verringert.

Weitestgehend unbekannt sind jedoch die fast 100 älteren Eisenglocken, welche in den östlichen Gebieten der Bundesrepublik und Polen überdauert haben. Teilweise reichen ihre Güsse bis ins ausgehende 17. Jahrhundert zurück - in der Fachwelt fast gänzlich unbekannte Erzeugnisse überregionaler Bedeutung. Da ich das Thema ausgesprochen spannend finde und an die Öffentlichkeit bringen möchte, stelle ich derzeit intensive Nachforschungen zu dem Thema an. Bisher konnte schon einiges Wissenswertes über derlei Glocken gesammelt werden. Dank meiner studentischen Tätigkeit in Eberswalde sind auch die Wege zu den Glocken in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Polen recht kurz. Für den Herbst 2026 ist ein erster Vortrag zu dem Thema geplant.

Zwei historische Eisenglocken des 18. Jahrhunderts in Schwanow b. Rheinsberg
Zwei historische Eisenglocken des 18. Jahrhunderts in Schwanow b. Rheinsberg

Glockenguss in Husum

Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen und Provinzen in Deutschland hatte das heutige Schleswig-Holstein im späten Mittelalter und der Renaissance ein klar dominierendes Gießerzentrum: Lübeck. Die mächtige Freie und Hansestadt begründete damals die deutschlandweit bekannte Ratsgießertradition. 14 verschiedene Gießer standen zwischen 1543 und 1858 im Dienste der Stadt und lieferten unzählige Glocken für die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, das Fürstentum Lübeck und natürlich auch die Stadt selbst. Solch bedeutende Familien wie Benninck oder Strahlborn waren überregional angesehene Gießer, aus deren Hand auch heute noch dutzende Werke in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark läuten. In der Barockzeit änderte sich dieses Bild, denn mit der Familie Beseler und ihren fünf Gießern bildete sich in Rendsburg ein Betrieb, der zwischen 1758 und 1871 fast 400 Glocken fertigte - mehr, als es die Lübecker Gießer in den gut 300 Jahren zuvor taten. Auch in weiteren Städten wie Flensburg, Eckernförde oder Glückstadt wurde Glockenguss betrieben, welcher jedoch nur von minderer Bedeutung war. Doch in einer Kleinstadt auf der anderen Seite der Halbinsel hatte die Ratsgießerschaft ein ihr stark ähnelndes Pendant: Husum!

Husum, die Kleinstadt an der Nordseeküste und Tor zu den zahlreichen kleinen und größeren Inseln und Halligen der Nordfriesischen Inseln. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man nie meinen, dass hier eine fast 200 Jahre bestehende Glockengießertradition bestand, welche zur selben Zeit wie die Lübecker Ratsgießerschaft bestand. Gut 180 nachgewiesene Glocken wurden in dieser Zeit für die dänischen Herzogtümer Schleswig und Holstein gefertigt, welche ihnen ein Privilegium für den Glockenguss in ihren Gebieten ausstellte. Es dürften jedoch noch deutlich mehr Werke existiert haben, die mit der Zeit umgegossen wurden und zu denen nichts bekannt ist.

 

Mein Ziel ist es, die Bedeutung Husums für den norddeutschen Glockenguss hervorzuheben und zum ersten Mal ausführliche Informationen und (weitgehend) vollständige Werkslisten zu den neun Husumer Glockengießern geben zu können. Dieses Projekt steht am Anfang - einige Informationen wie Lebensdaten o. Ä. und ein Großteil der erhaltenen und vernichteten Glocken konnten aufgrund der hervorragenden literarischen Grundlage bereits ausfindig gemacht werden. Nun gilt es, diese Ergebnisse zusammenzutragen und Husumer Glocken zur Vermessung in Augenschein zu nehmen.


 

„Freude dieser Stadt bedeute,

 

Friede sei ihr erst Geläute.“